Alagoas ist ein kleiner Bundesstaat im brasilianischen Nordosten. Nördlich liegt (das musikalisch bekanntere) Pernambuco; im Süden bildet der Rio São Francisco die Grenze zum Nachbarstaat Sergipe. An den Ufern des Flusses liegt auch das kleine Dorf Kariri-Xocó, in dem die Sängerin und Liedermacherin Renata Rosa ihre Gesangsausbildung erhielt.
Kariri und Xocó sind die Namen von zwei indianischen Stämmen, die an den Gestaden des Rio São Francisco leben. Vor hundert Jahren stießen in dem heutigen Dorf die Xocós auf die dort bereits lebenden Kariris – sie waren von ihrem Land vertrieben worden. Anfangs gestaltete sich das Zusammenleben schwierig, doch bald erwies sich der gemeinsame Kampf um das Überleben – und mithin der Kampf gegen die weiße Oberschicht – als wichtiger als die Auseinandersetzungen untereinander. Und so entwickelten Xocós und Kairiris nicht nur gemeinsame Strategien, sondern auch sonst starke Bande untereinander. Dadurch gelang es der „Kariri-Xocó nation”, ihre Traditionen zu retten. Symbol dieser Tradition wie auch des Zusammenhalts ist der Toré, ein polyphoner Gesang, der in einigen Fällen zu Trance-Zuständen führen kann. Der Toré verbindet die indianische Gemeinschaft rund um ihre wichtigsten Elemente: Natur, Pflanzen, Wind, Erde, Feuer und Wasser. Die zum Toré gehörigen Lieder gelten als heilig; sie werden denn auch vom Pajé angeleitet: Der Pajé ist der Heiler und der spirituelle Führer in der Gemeinschaft der brasilianischen Ureinwohner (der politische Führer heißt Cacique). Beim Singen des Toré fungiert der Pajé als Chorleiter; der Rest der Community schlägt auf den Maracas den Rhythmus, antwortet auf seine Vorgaben und tanzt im Kreis um ein Feuer.
Sinn der Veranstaltung ist es, dass sich durch die Beteiligung eines jeden einzelnen die Gemeinschaft kollektiv wieder auffrische, mit dem Ziel, ihr dauerhafte Beständigkeit und Balance zu verleihen. Einige der Lieder sind traditionell, andere werden spontan neu geschaffen, wodurch das Singen eines Toré unendlich lang andauern kann. Die Texte selbst werden in den Indianersprachen, aber auch in Portugiesisch gesungen – eine Konzession, die dem Ritual in der Vergangenheit erst das Überleben sichern half.
Innerhalb des Rahmens „Toré“ gibt es spezielle Liedgruppen: Rojãos sind Arbeitslieder, die in Zusammenhang mi den kommunalen Aktivitäten stehen. Der Samba de coco hat seinen Ursprung im Häuserbau: Der Bauherr lud einen Coco-Sänger ein und bereitete dazu ein großes Mahl vor für die Freunde, die halfen, den Grundstein zu legen. Nachdem der Lehm vorbereitet und auf den Boden ausgebreitet war, stampften ihn nun alle Beteiligten fest zum Rhythmus des Coquistas, also des Coco-Sängers, der seine embolada vortrug, eine endlose Reihe von Versen, die oft improvisiert waren. (Die stampfenden Schritte wurden „Trupés” genannt.) Lehmböden sind heute selten geworden, aber der Samba de coco hat überlebt – jetzt ist er bei anderen Tätigkeiten wie bspw. dem Mahlen von Maniok zu erleben. Daneben haben sich auch Musikgruppen auf den Samba de coco spezialisiert und tragen ihn bei Parties und Festivals vor. Im Gegensatz zum Samba de coco ist der Coco de roda mehr synkopiert; die Füße spielen nicht eine so bedeutende perkussive Rolle und die Teilnehmer tanzen im Kreis um den Solisten und reagieren auf seine bzw. ihre Vorgaben.
Leider sind all diese Formen vom Aussterben bedroht – wie auch die indianischen Gemeinschaften selbst. Offiziell beträgt der indianische Bevölkerungsanteil in Alagoas gerade einmal 0,1%. Die Wasserbedürfnisse globaler Lebensmittelkonzerne und der Bau eines Wasserkraftwerks in der Nähe von Kariri-Xocó haben die Indianer ihrer Möglichkeiten beraubt, Reis anzubauen und entsprechend ihrer traditionellen Techniken am „Old Chico“ (Rio São Francisco) auf Fischfang zu gehen. Und mit den gewohnten Lebens und Arbeitsformen verschwinden auch die damit verbundenen kulturellen Traditionen.Renata Rosa wurde eigentlich in Sao Paulo geboren, doch verschlug es sie als junges Mädchen nach Kariri-Xocó. Dort fing sie an zu singen, wobei sie von Mitgliedern der Familie des Pajé Julio begleitet wurde. Pajé Julio unterrichtete Renata Rosa im Gesang, vor allem in den melodischen Feinheiten der örtlichen Polyphonie, die sich durch ihre Ausbrüche in die höheren Register auszeichnet. Damals war Renata Rosa 14 Jahre alt; kurz darauf war klar, dass sie Sängerin werden wollte.
Auf ihrem ersten Album als professionelle Musikerin hat sich Renata Rosa noch sehr von den Tanzmusikformen aus Pernambuco inspirieren lassen, doch für ihre jüngste CD kehrte sie zu den polyphonen Wurzeln in Alagoas zurück. Und nun bringt Renata Rosa diese Kunst erstmals auch auf europäische Bühnen. Es sind die gleichen Frauen, die die junge Renata Rosa unterrichtet, begleitet und auch unterstützt haben. Sie werden all das singen, was die Polyphonie in Kariri-Xocó zu so einer Besonderheit macht, die Samba de coco, den Coco de roda und die Rojãos, und natürlich, erstmals außerhalb Brasiliens, auch die fein verwobenenen Gesänge der polyphonen Torés.
Cema – Gesang
Eberu – Gesang
Ducirene – Gesang
Varda – Gesang
Noraia – Gesang
Renata Rosa – Gesang, Rabeca, Perkussion
Ana Freire – Gesang
Leonilcio “Pepe” da Silva – Viola, Bandola, Cavaco
Hugo Lins – Bass
Lucas Dos Prazeres – Perkussion